Der Spar-Sonntag
April 30, 2005
Es geht meinetwegen in Ordnung, wenn der Staat Bereiche reglementiert, und dafür sinnvolle Gesetze beschließt. Aber hier — in diesem oberösterreichischen Nullsummenspiel — sehe ich wirklich keinen Grund für ein Eingreifen.
Alles ist offen
Das einzige Geschäft in diesem ach so liberalem Land (haha), das auch am Sonntag offen hatte, und, das auch unter der Woche länger als bis 19:00 Uhr geöffnet war, wird nun (am Sonntag) geschlossen. Wegen der Sonntagsruhe. Oder wegen der Kirche, die darauf besteht. Anscheinend nimmt man Anleihen an unsere deutschen Freunde aus Bayern und überlegt den katholischen Anschluß an das neugeborene Papstland?
Zurück in die Steinzeit?
Sind das Relikte aus dem Altertum? — Eventuell waren die alten Römer in diesen Dingen schon fortschrittlicher. Vielleicht sollte ich die Polemik lassen, aber diese Geschehnisse bringen mich aus der Fassung. Ein Schritt vor, zwei zurück: Österreich.
Aber trotzdem ein Linzer Einkaufsabend
Gestern abend war hier die 4. Linzer Einkaufsnacht. Die Geschäfte hatten bis 22:00 Uhr geöffnet. War jemand hier in Linz? Bis 22:00 Uhr und danach war die Stadt randvoll mit Menschen, die einkauften, Essen gingen, herum flanierten usw. — Ist das (k)ein Wirtschaftsfaktor?
Früher: Unbelebte Städte und Einkaufsstraßen am Wochenende
Ich (nicht nur ich) erinnere mich noch lebhaft an die extrem langweiligen Wanderungen mit meinen Eltern durch die sonntagstote Welser Innenstadt. Die Stadt, die sich immer als die Einkaufsstadt betitelte! Langweiliges Fassaden- und Auslagenschauen, nicht einmal die bekannte Innenstadtkonditorei Urban war geöffnet (ist die heute am Sonntag offen?). Wenn man Glück hatte konnte man sich wo ein Eis gönnen, was anderes gab es damals nicht. An Samstagen waren die Geschäfte teilweise auch geschlossen oder sperrten zu Mittag zu, eine Tatsache, die wir uns heute nicht mehr vorstellen wollen.
United States — Land Of The Free
Vor kurzem war ich in Kalifornien und dort ist vieles anders. Der Kalifornier schätzt eben die Dienstleistung. Es ist eine Freude auch noch am Abend richtig einkaufen zu gehen, ob in den Buchshop (mit Cafe) oder in den Supermarkt mit reichlicher Auswahl. Ja, und dort darf ich auch am Sonntag Katzenfutter oder Waschmittel kaufen. Warum hier nicht? Wem fällt den so ein Schwachsinn ein?
Als negatives Beispiel fällt mir etwas ein woran mich mein Bruder letztens erinnert hat. Der Bahnhofskiosk in Wels — so wie wir beide ihn vom Studium Anfang der 1990er Jahre kennen — war eine mittelalterliche Bastion was Service betrifft. Dort war es tatsächlich nicht erlaubt, Zeitschriften nur einmal kurz durchzublättern um zu sehen, ob ein Kauf sich lohnt oder nicht. Die Angestellten dort zwangen einem zum Kauf der Katze im Sack. Eine interessante Einstellung, oder? Zum Glück gibt’s das heute nicht mehr (ich hoffe es).
Raus aus der Langeweile!
Das auch hier die Leute am Abend lieber noch in die Geschäfte wandern als zu Hause vor dem Fernseher geistig zu verkümmern ist - wie man gestern hier in Linz sehen konnte - sehr positiv. Positiv für die vielen Wirtschaftstreibenden und auch für unsere Gesellschaft. Leider gibt’s das hier nur einmal im Jahr. Und warum muss ich dabei unwillkürlich an den ehemaligen Ostblock denken …?
Öffnet die Geschäfte am Abend und am Sonntag
Ich fordere Spar definitiv auf, hier Massnahmen zu setzen. Sperrt in jeder großen Stadt ein Geschäft am Sonntag auf. Der Umsatz wird sich vervielfachen, die Leute schätzen das, auch hier in Österreich. Oder vielleicht tun es Billa, Merkur, und wie sie alles heissen mögen. Tut das zu eurem Gedächtnis!
Zweitausendjahre alte Regeln
Eine moderne Gesellschaft kann sich nicht auf uralten Regeln ausruhen. In jedem
- Restaurant,
- Hotel und Gasthof,
- an jeder Tankstelle,
- in jedem Zug der ÖBB,
- bei Polizei,
- bei Ärzten und Notdiensten,
- bei der Feuerwehr,
- in Apotheken,
- in Journaldiensten,
- zu Hause,
- bei Selbstständigen,
- in allen Medien und bei Fotografen,
- auf dem Bauernhof,
- bei Bäckern,
- im Sommer im Freibad,
- am Rummelplatz,
- am Pizzastand und in der Brauerei
wurde und wird auch immer am Sonntag gearbeitet. Vor meiner Tür demonstrierte bisher niemand weil ich am Sonntag meiner Arbeit nachging. Auch wir haben Familie, aber das stört scheinbar nicht. Auch der Priester arbeitet am Sonntag, sichtbar für alle, die seinen Worten lauschen. Manche davon haben auch Familie und Kinder und auch keine Sonntagsruhe. — Wie definiert sich diese Ruhe eigentlich? Micht stören viel mehr die Rasenmäher und andere Lärmverursacher als ein offenes Geschäft.
Der Sonntag ist ein Tag wie jeder andere. Ich bin Atheist (konvertiert vom Agnostiker), bitte warum sollte ich mich an eine Sonntagsruhe von irgendwelchen Religionen halten? Gebt mir meine Freiheit (zurück)!
In den OÖ-Nachrichten lese ich:
Der Spar-Supermarkt im Bahnhof verliert durch den Sonntag mit rund 5000 Kunden ein Drittel seines Umsatzes und elf der 47 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Auf Vollzeit gerechnet, seien dies sieben Arbeitsplätze weniger. Den Betroffenen würde Ersatzarbeit angeboten, sagt Jakob Leitner, der Chef der Spar-Oberösterreich-Zentrale in Marchtrenk.
Der Standard schreibt:
Wirtschaftslandesrat Viktor Sigl (V) habe gegenüber Spar argumentiert, dass Oberösterreich ein “Land mit christlicher Tradition und Kultur” und der freie Sonntag in der Landesverfassung verankert sei.
Schön Herr Wirtschaftslandesrat Sigl, fahren eigentlich Ihre Busfahrer am Sonntag auch nicht? Oder haben sie noch Pferdefuhrwerke wie die Amish? Stillstand ist der Fortschritt für den Rückschritt.
(Nebenbei bemerkt, die neue Website des Landes OÖ ist nett gemacht, die URLs sind aber ein reines Chaos: ‘http://www.ooe.gv.at/cps/rde/xchg/ SID-3DCFCFC3-1381CC33/ooe/ hs.xsl/19018_DEU_HTML.htm’, die werden nur noch von den irrwitzigen URLs der Tiscover.at: ‘http://www.tiscover.at/at/guide/ 5,de,SCH1/objectId,EVT789879at,curr,EUR, parentId,RGN214at,season,at1, selectedEntry,event/intern.html’ übertrumpft; dass das so nicht sein muss sieht man hier an meiner Website. Vielleicht schon mal von Plone und Open Source gehört, liebe Landesregierung?)
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